Wenn deine Europaabgeordneten mit dir zwitschern

.. klingt das zunächst befremdlich. Wenn man sich das Projekt dahinter anschaut, und feststellt, dass es sich mal wieder um irgendwas mit Twitter handelt, schon weniger. Ob Twitter nun Fluch oder Segen ist, möchte ich an dieser Stelle gar nicht beantworten. Es scheint klar, dass der Dienst für viele Zwecke geeignet ist, aber eben nicht für alle und vor allem nicht für alle Zielgruppen. Seit Obama (lege schnell 2 Euro ins Phrasenschwein oder die buzz word box) meint die Politik, im Internet das Allheilmittel gegen Desinteresse in der Bevölkerung gefunden zu haben. So leicht ist das natürlich nicht. Es hat sich aber nicht zuletzt in der Bundestagswahl gezeigt, dass jene, die offen mit den digitalen Medien umgehen und sie nutzen, um in den Dialog treten, in der Tat neue Wählerschaften erschließen können. Jene, die drei Mal die Links zu ihren Pressemitteilungen getwittert haben, werden wohl kaum Wähler deswegen verloren haben, neue gewonnen, haben sie aber mit Sicherheit nicht über Twitter, Facebook und die VZs. Dialogbereitschaft, Authentizität und viele andere Schlagwörter wird sich die Politik noch länger anhören müssen, bis wir Internetwahlvolk endlich zufrieden sind.

Nachdem das Europäische Parlament etwas stiefmütterlich behandelt wurde, wenn es um neue Internetspielereien ging, wird es nun bald ein neues Instrument geben, um mit den Europaabgeordneten in Kontakt zu treten. Ob diese den Dialog annehmen, liegt aber weiterhin in Europas Sternen.

Ein neues Projekt der französischen Europaseite Touteleurope.fr soll diesen Dialog fördern. Mit Tweet your MEP, das Mitte/Ende September öffentlichkeitswirksam online gehen soll, wollen die Macher Bürger(innen) und MdEPs zusammenführen:

Über ‘Tweet your MEP‘ können die Europaabgeordneten die breite Öffentlichkeit kontinuierlich über ihre Arbeit, Stellungnahmen usw. auf dem Laufenden halten. Die EU-Bürger können ihrerseits ihre Vertreter in Echtzeit, in aller Öffentlichkeit und Transparenz auf bestimmte Themen ansprechen, ihre Meinung ausdrücken, ihre Unterstützung bekunden usw. ‘Tweet your MEP‘ ist in vier Sprachen (englisch, französisch, deutsch und niederländisch) verfügbar und deckt ohne jegliche Unterscheidung nach politischer Zugehörigkeit alle 27 Mitgliedsländer der EU ab.

(Selbstdarstellung des Projekts)

Ich habe das Projekt selbst noch nicht gesehen, will es also nicht vorverurteilen, seien wir aber ehrlich. Wonach klingt es denn? Ist es nicht so, dass MdEPs und Interessierte, die auf Twitter sind, dies nicht ohnehin schon machen. Die Abgeordneten twittern, kriegen manchmal Antworten darauf (einige mehr, andere weniger) und treten in den Dialog (wiederum einige mehr, andere weniger). So mache ich das, so machen das viele anderen. Das ist, wofür Twitter geschaffen wurde. Was kann Tweet Your MEP da also eigentlich leisten, außer diesen Dialog auf einer externen Seite darzustellen? Ich sehe noch nicht den rechten Mehrwert, den die Seite haben soll. Jene, die kein Twitterkonto haben, können sich auf der Seite eines erstellen. Hilfreich wäre doch eher, dass jene, die keines haben, ohne eines erstellen zu müssen, trotzdem Fragen stellen können, im Idealfall sogar über Twitter hinaus. Wer garantiert zudem, dass die twitternden MdEPs antworten. Im Prinzip scheint mir die neue Webseite eine besseres Twitterverzeichnis zu werden, sortiert nach Nationalität, Partei und Arbeitsbereichen. Das konnte wahl.de schon damals, sogar für Europa.

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