Warum uns eine europäische “Blogger gg. Journalisten”-Debatte nicht weiterbringt

Ich habe eigentlich langsam genug von selbstreferenziellen Debatten. Sei es, und da fasse ich mir mit diesem Beitrag auch selbst an die Nase, wenn wir Euroblogger viel Energie in die Diskussionen über die europäische Blogosphäre legen. Wenn Blogger allgemein über ihren Stellenwert in der Medienlandschaft streiten. Twitterer über die gesellschaftliche Akzeptanz und so weiter. Die Liste ließe sich beliebig fortführen.

Gerade auf der europäischen Ebene sind diese Debatte aber besonders häufig, habe ich den Eindruck. Europa macht es nicht anders. Die Europäische Union (wie auch ihre Rechtsvorfahren) kümmert sich seit jeher mehr darum, was es eigentlich sein möchte, anstatt einfach zu sein. Diejenige, die viel mit den europäischen Institutionen zu tun haben, neigen zudem oft dazu, sie in ihrem Verhalten zu kopieren.

Ich finde aber, dass wir, wie die polititschen Verantwortlichen, unsere Energie anders, nämlich konstruktiver und produktiver, einsetzen sollten und könnten.

Anlässlich der vermeintlich schrumpfenden Zahl von freien EU-Journalisten vermengt sich die Debatte mit der Frage, ob wir erstens überhaupt soviele Journalisten in Brüssel brauchen, und ob zweitens Blogger nicht eher geeignet sind, die Prozesse in der Europäischen Union kritisch zu begleiten. Eurobloggerikone @JulienFrisch spitzt dies in seiner Vision satirisch zu:

Nobody needs independent journalism in Brussels when there are bloggers and some good news products funded by the institutions – and I hope the EU institutions will soon have understood! (Watching Europe & auf Deutsch als Kommentar auf einen Beitrag von mir)

Ich finde diese Debatte unglücklich. In unseren nationalen Blogosphären führen wir diese zwar schon lange, aber Einigkeit scheint sich auf absehbare Zeit nicht zu erzielen. Gerade angesichts der Diskussion in Brüssel führt uns dieser Streit allerdings auch nicht weiter. Das hat meiner Meinung nach viele Gründe:

1. Wir Euroblogger haben nicht den Stellenwert in der europäischen Medienlandschaft

Das kann man bedauern, verurteilen oder hinnehmen. Es ist aber einfach ein Fakt zu diesem Zeitpunkt. Nicht anders ergeht es nationalen Politikbloggern. Wir stellen hier meines Erachtens keine Ausnahme dar, nehmen also auch keine Sonderstellung ein.

2. Blogger und Journalisten stehen in Brüssel keiner Konkurrenz zueinander

Wir Blogger schreiben ja nicht über die Europäische Union, weil es unseren Unterhalt sichert oder Prestige liefert. Das Gegenteil ist der Fall. Ich werde immer wieder mißbilligend angelächelt dafür, dass ich mich hobbymäßig mit der EU beschäftige. Allerdings verschafft mir das viel Freiheit. Ich kann schreiben worüber und wann ich will. Journalisten, die sich professionell mit Europa beschäftigen, haben diesen Luxus zumeist nicht. Sie müssen aktuellen Debatten abbilden. Das wäre mir zu müßig.  Zudem  haben Journalisten andere Pflichten und Rechte. Es ließe sich hier sicherlich darüber diskutieren, wie sich diese angleichen ließen. Wir dürfen das aber nicht zu Lasten der “anderen” machen.

3. Blogger und Journalisten verfolgen die gleichen Ziele

Wenn Journalisten die aktuelle Diskussion abbilden müssen, wollen wir Euroblogger das meistens auch, eben genauso wie wir  beide Unstimmigkeiten in der Politik aufzuzeigen suchen und mehr Transparenz in die Europäische Union bringen wollen. Das geschieht vereinzelt sicherlich mit unterschiedlichem Ziel (wie bspw. Europakritiker) aber dennoch stehen wir vor der gleichen Motivations gegenüber den Institutionen. Zudem stehen sowohl Blogger also auch Journalisten vor der gleichen schweren Aufgabe, das unheimlich komplexe politischen Gefüge verstehen und verfolgen zu wollen.

4. Keine der beiden Parteien darf für sich eine Meinungsführerschaft beanspruchen

Wir konkurrieren nicht auf dem Markt der Anzeigen, wohl aber auf dem Markt der Meinungen. Auf diesem Markt sind aber eben nicht nur Journalisten (sicherlich sehr einflußreich) und Blogger, sondern auch politische Organisationen, wie Verbände und Parteien, die Privatwirtschaft, die nationalen Diskurse.

5. Sich gegenseitig die Existensberechtigung streitig zu machen, wird keinem der beiden helfen

Wenn das EU Pressekorps also tatsächlich Probleme in der täglichen Arbeit in Brüssel hat, sei es Umgang mit den Institution, sei es wie sie in ihrem Heimatland und Zielmarkt behandelt werden, dann sollten sie das artikulieren und zwar nicht reißerisch und panikschürend sondern sachlich. Das Fehlen von freien, unabhängigen Journalisten, die sich um die Europäische Union kümmern, hilft niemand. Nicht uns Bloggern, die wir nicht über die Ressourchen verfügen und größtenteils auch nicht vor Ort sind und nicht den Journalisten selbst. Ich kann Kommentare aus der Blogosphäre momentan sehr gut verstehen, wenn es heißt, dass es immernoch genügend Pressevertreter in Brüssel gibt.

Ich würde mir also ein Feedback der Presse wünschen. Wenn sie ihre Kritik und Probleme nicht in ihren eigenen Medien äußern können, sollten wir Euroblogger die letzten sein, die ihnen eine Plattform verwehren.

2 thoughts on “Warum uns eine europäische “Blogger gg. Journalisten”-Debatte nicht weiterbringt

  1. Ich glaube nicht, dass es diese Debatte überhaupt gibt.

    Ich sehe sie auch nicht als notwendig an. Ich glaube auch nicht, dass Blogger Journalisten ersetzen können. Denn wenn sie das tun, werden sie zu Journalisten, eben nur im Web.

    Meine Polemik ging ja gerade in die Richtung zu zeigen, was passiert, wenn wir professionelle Journalisten in Brüssel verlieren.

    Den kleinen Film “Blogger vs. Journalists” habe ich auch nur gemacht, weil ich dieses Text-zu-Film-Tool entdeckt habe und einfach zeigen wollte, was man so machen kann.

    Die einzige ernst gemeinte Kritik, die ich nach dem API-Treffen geäußert habe, war gegen eine gewisse Arroganz hinsichtlich des selbsternannten Vorrechts auf Information gerichtet. Und in Kommentaren habe ich hinzugefügt, dass ein großes Problem ist, dass viele Brüssel-Journalisten ihre tiefen Einblicke in die Brüsseler Szenerie gar nicht unterbringen können, weil ihnen für solche Feinheiten in ihren Medien kein Platz geboten wird – dabei geht so viel Interessantes verloren.

    Ansonsten finde ich es aber spannender, über COSI zu bloggen, dabei lerne ich nämlich selbst mehr als wenn ich übers Bloggen oder über Journalismus rede, eine Profession, von der ich praktisch nur Außenseiterwissen habe.

  2. Diese Diskussion gibt es vielleicht noch nicht in Brüssel. In Deutschland indes wird/wurde sie mitunter verbittert geführt. Gerade dann, wenn sich Blogger oder Journalisten gegenseitig irgendwelche Rechte streitig machen, hilft es meines Erachtens der Sache nicht weiter.

    Hier wie da sind es vielleicht persönliche Eitelkeiten, die aber auf echten Sorgen basieren. Sieh den Beitrag also vielleicht eher als preemptive strike.

    Wie du ganz richtig sagst, gibt es wirklich wichtigere Themen, denen wir uns (wie die Presse sich) widmen sollten.

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