Der 15. März

magyar szalag

Der 15. März ist traditionell ein wichtiger Feiertag in Ungarn. Er markiert das Gedenken an jenen Tag im für Europa so wichtigem Jahr 1848, als sich das ungarische Volk gegen die Habsburger auflehnte. Heutzutage soll er ein Tag der Freude sein, des Gedenkens an die Mutigen, die für ein freies Ungarn kämpften. Aber seit dem letzten Herbst ist alles anders in Ungarn. Die Menschen haben Angst und befürchten ähnliche nationalistische Ausschreitungen, wie sie die Randalierer im Oktober 2006 angezettelt haben. Sogar der Staatspräsident Sólyom sagte seine Teilnahme an den Feierlichkeiten sicherheitshalber ab.

Gestern kam es zum Glück nur zu vereinzelten und leichten Gewaltausbrüchen, auch wenn sie, wie im Oktober, in ausländischen Medien aufgebauscht werden, womöglich um einfach mehr Klicks zu generieren. (Ich war im Oktober in Ungarn.) Immerhin haben die Medien realisiert, dass es eben keine Ausschreitungen des Volkes gegen ihre Regierung sind. Es sind fanatische Krawallmacher des rechten Lagers die Stimmung gegen die linke Regierung machen. Andersrum wäre es wohl genauso. Das politische Verhalten scheint einfach nicht gemäßigt genug.

Darin liegt nämlich das Problem. Die ideologischen Grabenkämpfe in Ungarn werden eben nicht von Hardlinern geführt. Vielmehr ist ein jeder Ungar in gewisser Weise daran beteiligt. Nirgends habe ich es bislang mitbekommen, dass eine Nation innerlich so zwischen Parteien gespalten ist. Und das ist ungesund. In der Schule musste ich miterleben, wie in Wahlkampfzeiten eben noch beste Freundschaften plötzlich an den politischen Einstellungen zerbrachen. Bis auf’s Blut bin ich fast geneigt zu sagen, und das waren leider keine Einzelfälle.

Ferner erhalten die extremen Rechten in Ungarn aufwind durch ein Gefühl der Erniedrigung, Ohnmacht und Schicksalergebenheit, das dem Volk zu eigen sein scheint. Das Gefühl des Unrechts, das dem Land wiederfahren ist, als Ungarn 1920 mit dem Vertrag von Trianon über Zweidrittel seines Staatsgebietes verlor, als über drei Millionen Ungarn von ihrem Vaterland getrennt wurden und als Interlektuelle fluchtartig das Land verließen und nie mehr zurückkehrten. Das alles scheint die Radikalität zu legitimieren, habe ich den Eindruck.

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