Wenn dich die Kommission duzt

Ich freue mich ja immer wie ein Schneekönig, wenn öffentliche Institutionen meine Bitten erhören, und wie hier näher mit Bürger/innen in den Dialog treten wollen. Besonders dann, wenn es nicht über ausgefallene Kommikationsstrategien, die von fancy Werbeagenturen durchgeführt werden, geschieht.

Im Fall der deutschen Vertretung der Europäischen Kommission war es vor fast zwei Monaten, als sie im Facebook angekommen ist. An diesem Tag hat jemand in ihrem Namen die Porträts der Kommissare hochgeladen und einige Tage später den ersten Eintrag auf ihre Fanpage gepostet.

Seither beglückt sie ihre fast 600 “Fans” mit täglichen Nachrichten aus der Europäischen Union und ihrer täglichen Arbeit. Das macht sie richtig gut, finde ich. Die verantwortliche Person hat scheinbar genügend Vertrauen bekommen, auch mit den Nutzern in jenen gewünschten Dialog zu treten. Die Vertretung liest die Kommentare und geht auf sie ein. So stelle ich mir das vor. In einem Fall berichtet sie beispielsweise von einem honorierten Beitrag in einer Schülerzeitung, der nicht online zur Verfügung stand. Auf meine Nachfrage hin, haben sie den Artikel organisiert, online gestellt und uns “Fans” darüber informiert. Weiter so. Es klingt vielleicht wie eine kleine, völlig selbstverständliche Aktion. In dem Kontext der Kommunikation zwischen Behörden und Bürgern ist es erfahrungsgemäß aber alles andere als das. In anderen Fällen gaben sie auf Nachfrage weitere Auskünfte zu ihren Status Updates, wie zum großen Thema SWIFT.

Continue reading

Gipfeltreffen zur Europäischen Bürgerinitiative

Als Reaktion auf unseren Blogginportalworkshop bei der diesjährigen re:publica, bin ich eingeladen worden, auf dem European Citizens’ Initiative Summit in Salzburg das Internet zu vertreten. In den nächsten Tagen wird der Livestream, der die gesamte Konferenz ins Netz übertrug, als Video auf den Seiten zu finden sein.

Die Konferenz war insofern besonders interessant, als dass sie verschiedenste Interessengruppen zusammengebracht hat. Neben Europaabgeordneten, Wissenschaftlern und Akteuren der Zivilgesellschaft war auch der, wenn man so will, Hauptverantwortliche des Kommissionsvorschlages zur ECI, Head of Unit für Institutional Issues, Mario Tenreiro anwesend, der Rede und Antwort stand, zugab, dass der Vorschlag der Europäischen Kommission auf Drängen der Spanischen Ratspräsidentschaft nur mit heißer Nadel geschrieben werden konnte, und eine Verbesserung in Aussicht stellte. Ich hoffe das beste, aber wir werden sehen.

Einige Forderungen haben beide Veranstalter, das Österreichisches Institut für Europäische Politik und Recht & die Initiative and Referendum Institute Europe, übrigens in einem Manifesto zusammengefasst (PDF), das ich hier auszugsweise wiedergeben möchte.

1) Die Europäische Bürgerinitiative braucht mehr Zeit.

Die vorgeschlagene Frist von zwölf Monaten benachteiligt schwächere Gruppen, die für ihren transnationalen Überzeugungsprozess mehr Zeit brauchen. Zudem droht die viermonatige Überprüfung der Zulässigkeit die Unterschriftensammlung, kaum hat sie begonnen, zu behindern. Deshalb schlagen wir eine Frist von 18 Monaten für die Unterschriftensammlung vor.

2) Die Eingangshürde für die Zulassungsprüfung ist zu hoch.

Die vorgeschlagene Hürde von 300’000 Unterschriften zur Auslösung einer Zulässigskeitsprüfung bildet für Initiativen wie auch die mit der Überprüfung beauftragten Mitgliedsstaaten eine prohibitive Hürde. Aus praktischen Gründen ist deshalb eine Eingangshürde von 50’000 Unterschriften anzustreben.

3) Die Identifikationsangaben der Unterzeichnerinnen und Unterzeichner dürfen nicht die Integrität des Einzelnen in Frage stellen.

Die im Annex III des Verordnungsentwurfes vorgeschlagenen Anfordernisse an die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner sieht die Angabe der Passnummer, der Identitätskarte oder der Sozialversicherungsnummer vor. Ein solches Anfordernis stellt nicht nur das „Wahlgeheimnis“ in Frage, sondern hat nur indirekt mit der Wahlberechtigung zu tun. Anzugeben sollte deshalb zusätzlich zu Name, Adresse, Wohnort und Geburtstdatum lediglich die Nationalität bzw. nationale Wahlberechtigung, unter der die Unterschrift geleistet wird.

4) Erfolgreiche Europäische Bürgerinitiativen sollen von der Kommission im Rahmen eines Hearings angehört werden.

Nach Abschluss der Unterschriftensammlung und der Überprüfung nimmt sich die Kommission gemäss Verordnungsentwurf eine viermonatige Frist zur materiellen Prüfung des eingebrachten Gesetzesvorschlages heraus. Diese Frist darf allerdings nicht nur zur internen Behandlung genutzt werden, sondern sollte auch dem Dialog mit den Initianten und der interessierten Öffentlichkeit dienen. Deshalb soll während der Behandlung ein öffentliches Hearing stattfinden, an dem das Initiativkomittee seine Sicht der Dinge darlegen und mit der Kommission diskutieren kann.

5) Der Verzicht auf eine Infrastruktur für das erste direktdemokratische Instrument auf der transnationalen Ebene ist unverantwortlich.

Stellen Sie sich vor, dass das Europäische Parlament und die darin vertretenen politischen Parteien gerade einmal über eine gemeinsame Webseite verfügen würden und ein paar Beamte der Union sich um die Belange dieser Institutionen und Akteuere kümmern würden. Und stellen Sie sich vor, dass es im EP keine Übersetzungen gäbe. Im Falle der Europäischen Bürgerinitiative, ein Prozess, der noch viel mehr Menschen an der Europäischen Politik teilhaben lässt, sieht der Verordnungsentwurf gerade einmal zwei Beamte und eine Webplattform vor. Das ist unverantwortlich! Die Kommission muss deshalb eine Budgetlinie und ein Pflichtenheft für eine unterstützende Infrastruktur schaffen, sodass das Potenzial des neuen Instrumentes ausgeschöpft werden kann.

Konsultationsprozess zu den EU-Bürgerrechten eröffnet

Wie kann die Europäische Union die Rechte der Bürgerinnen und Bürger stärken, die  von unserer Unionsbürgerschaft herrühren? Zur Beantwortung dieser Frage lädt die Europäische Kommission, wie sie das sehr gern macht, bis zum 14. Juni 2010 in einem offenen Konsultationsprozess Bürgerinnen und Bürger (sowie natürlich staatliche und nicht staatliche Aktuere) ein, ihre Ideen einzusenden. Die dazugehörige Ergebniskonferenz soll am 01. und 02. Juli 2010 stattfinden. Ein Kommuniqué der Kommission soll dann im Oktober herausgebracht werden.

Ein gute Sache. Nicht nur das Parlament, das sich zunehmend als Hüter der Bürgerrechte versteht, sondern auch die Kommission nimmt sich damit einer wichtigen Komponenten unseres Zusammenlebens in Europa an. Ich bin gespannt, welche Initiative wirklich am Ende herauskommt.

Einen faden Beigeschmack hat diese Konsultation allerdings doch. Denn selbst, wenn sie den Prozess schon am 19. April gestartet hat, war es der Kommission scheinbar bislang noch nicht möglich, in anderen Sprachen als auf Englisch aufzurufen. Für mich gehört es in der Union nämlich zum Recht, meine Anliegen in meiner Sprache an die Verantwortlichen herantragen zu können, und auch in meiner Sprache eine Antwort zu erhalten. Daher erwarte ich eigentlich, wenn es die Institutionen ernst meinen, auch auf Deutsch oder Ungarisch oder Lettisch angeschrieben zu werden. Es ist zwar illusorisch zu vermuten, dass solche Konsultationen Menschen außerhalb des akademischen, politischen Bereiches erreichen, aber den Versuch sollte die Kommission doch bitte trotzdem unternehmen, wenn Sie Beiträge der Bürgerinnen und Bürger erhalten möchte.

Laut, schnell, tief und doch zu hoch? — Ein Tag unterwegs mit der Europa(bus)tour

Am Dienstag machte die gemeinsame Europa(bus)tour von MDR und der Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland halt in der Mittelschule in Chemnitz-Altendorf. Also in jener Stadt, in der ich seit viel zu langer Zeit am Abschluss meines Studiums arbeite. Ich überlegte keine zwei Mal. Wenn der ehemalige Weltmeisterschaftsbus der schwedischen Nationalmannschaft nun schon einmal in meiner Nähe ist, wollte ich mir das Europaspektakel nicht entgehen lassen. Ich habe also die Chance genutzt, und mir einen ganzen Tag lang angeschaut, wie so ein Tag auf der Europatour aussieht.

Wie muss man sich also einen Schultag vorstellen, wenn das selbsternannte Jugendradio JUMP auf dem Hof seine Soundanlage aufbaut und sich ein großer blauer Bus an den Eingang stellt?

Continue reading

Mit quietschenden Reifen zur Jugend Europas

Auf Twitter und Facebook hatte ich schon mehrfach darauf hingewiesen. Eine Kommilitonin von mir aus Chemnitz fährt seit drei Wochen mit dem Europabus der Kommissionsvertretung in Deutschland und dem öffentlich-rechtlichen Radiosender JUMP für 10 Wochen durch insgesamt 50 mitteldeutsche Schulen und versucht den Schülerinnen und Schülern Europa nahe zu bringen. Offiziell heißt das Ganze dann:

“Die Europäische Kommission und das Jugendradio MDR JUMP begeben sich von April bis Juni gemeinsam auf Europatour durch Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Mit einem speziell gestalteten Info-Bus, Soccer-Europameisterschaften, europäischen Sounds, Wissenstest und Workshops sowie vielen weiteren Angeboten wird den Schülern Europa nahe gebracht. Außerdem stehen Minister, Abgeordnete und junge Europäer den Jugendlichen Rede und Antwort.” (aus der Presseerklärung der Kommissionsvertretung vom 08. April 2010)

Als ich zum ersten Mal von der Aktion gehört habe, wußte ich nicht recht, ob ich’s gut oder schlecht finden sollte. Würde es überhaupt möglich sein, die Idee Europa an einem Schultag und dann von “außen” vermitteln zu können? Nur eines war klar, Manja musste bloggen. Und so habe ich sie mehr oder weniger dazu genötigt, ein kleines Reisetagebuch online zu führen, dessen Lektüre ich euch heute wärmstens an Herz legen möchte. Nicht nur lerne ich von bislang nie gehörten Städten und Dörfern aus dem Herzen Europas, sondern auch viel darüber, wie es sich eigentlich anfühlen muss, die Europäische Union tagtäglich von Neuem interessant erscheinen zu lassen.

Danke dir, Manja, dass du so ausdauernd von der Tour berichtest. Halte durch .. bitte.