Ich glaube ich kann zurecht behaupten, dass ich nicht der einzige war, der vor einer Woche aus allen Wolken fiel, als der kroatische Premierminister Ivo Sanader seinen sofortigen Rücktritt bekannt gab. Wie viele andere, die nur die Schlagzeilen mitbekommen hatten, dachte ich sofort an gesundheitliche Gründe bei ihm oder seiner Familie, denn schließlich war mir in bester Erinnerung, dass er zuletzt noch als sicherer Kandidat für das Präsidentamt galt. Nichts hatte für mich den Eindruck gemacht, dass Sanader nicht weitermachen wolle. Auch den ersten Mutmaßungen, dass sein Rücktritt mit der Erweiterungspolitik der Europäischen Union in Verbindung stehen würde (Video der Pressekonferenz zum Rücktritt, gleich die erste Frage, ab Minute 8:15), konnte ich mir bei einer solchen Persönlichkeit nur schwerlich vorstellen. Der Mann hat in den letzten Jahren wohl genug mitgemacht, als dass ihn die Hinhaltetaktik Olli Rehns oder die Blockade Sloweniens etwas ausmachen würde. Ich wollte also abwarten, was die Tage so für Nachrichten bringen, schließlich gilt auch in Zeiten von Twitter und Co. “nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird”. Aber ich wurde enttäuscht. Ich habe bislang immernoch keine verlässlichen Informationen zu Sanaders Rücktritt herausbekommen können. Die Spekulationen über mögliche politische Ämter in Kroatien oder der EU hat der ehemaligen Regierungschef sofort den Gar ausgemacht. Andere Theorien finden sich, wo sonst, in der Blogosphäre. Dort regt sich vor allem Unmut über den Zeitpunkt des Rücktritts und, dass die kroatische Bevölkerung wegen der Gründe im Dunkeln gelassen wird.
Andere kritisieren ihn heftig und werfen ihm vor, Kroatien in die Krise gedrängt zu haben und jetzt rechtzeitig mit dem Abgang die Kurve zu kratzen, bevor das Land entgültig den Bach runtergeht. Auch vermuten Stimmen heftige Kritik seitens der EU, die Sanader in die politischen Knie gezwungen hätte. Der Präsident der Gegnerpartei HNS, Radimir Cacic, nennt ihn eine feige … und unterstellt ihm das “sinkende Schiff” Kroatien auf politischer Ebene rechtzeitig verlassen zu wollen. (Ivana Martinović vom 07. Juli 2009)
One and a half day after Croatian prime minister Sanader resigned we know as little about his reason as at the very beginning. Croatian society is taken hostage by Sanader’s refusal to say why he stepped down. He said it was for “personal reasons”, but immediately added that “thank God” he is not ill. So what is he? Tired? I guess so. But name me one prime minister or president who is not tired. Maybe he was politically worn out. Although he claimed to have achieved everything he wanted to achieve, the truth is that he leaves Croatia behind in a state of despair and in need of repair. [...]
Meanwhile, everybody says everybody is speculating. But I am honestly surprised that so few realistic reasons were suggested. Croats love conspiracy theories, but Sanader’s decision took everybody by surprise. No one has a clue. (Croatian Crescent vom 02. Juli 2009)
Was auch immer die wahren Gründe für seinen Rückzug aus dem politischen Leben sind, wir werden wohl noch etwas auf eine Antwort warten müssen. Kroatien darf aber nicht darauf warten und muss weitermachen. Die ehemalige Vize und neue Premierministerin Jadranka Kosor wird ihrerseits die Gespräche mit der Europäischen Union und vor allem Sloweniens in der Frage der Grenzstreitigkeiten aufnehmen müssen und darf nicht warten, dass man auf sie zukommt. Die Slowenen werden sicher nicht von sich aus die Blockade aufheben, so sehr ich den Frust der Kroaten in dieser Sache auch verstehen kann.
Hier noch ein kleiner Lese- und Hörtipp. Ein Portät hat der österreichische Der Standard veröffentlicht (“Modernisierer Ivo Sanader hat nicht alle Ziele erreicht“) Und auch das ARD-Hörfunkstudio Wien hat einen hörenswerten Beitrag zum Thema produziert.
Quelle: tagesschau.de (Dauer 3:28 Min.)
Bildnachweis: Vlada Republike Hrvatske
