In zehn Schritten zum Euroblogger

Anfang 2009 hat der Euroblogger Julien Frisch eine Antwort auf die Frage geben, warum er blogge. Gegen Ende desselben Jahres hat er die Frage erneut aufgenommen und daraus eine Anleitung abgeleitet, wie man zu einem Euroblogger würde. Seine Antwort: “In zehn Schritten, weil alles in zehn Schritten gemacht werden kann.”

Jene zehn Schritte haben natürlich heute noch Relevanz:

1. Du musst verrückt sein

Wenn du es nicht eh schon bist, fang an die konsolidierte Fassung des Vertrags von Lissabon von der ersten zu bis zur letzten Seite zu lesen. Wenn du nach dem Lesen noch nicht verrückt geworden sein solltest, bewirb dich um einen Job in den EU Institutionen.

2. Triff deine erste und wichtigste Wahl

Wenn du den Vertrag von Lissabon gelesen hast, ihn Mist findest und deswegen die EU nicht magst, musst du dich Euroskeptiker nennen. Wenn du ihn Mist findest, die EU aber trotzdem magst, bist du ein Föderalist. Als Euroblogger wirst du zu einem der beiden Kategorien gehören, und offiziell gibt es nichts dazwischen.

3. Du brauchst einen guten Namen

Wenn du Glück hast, hast du ja schon einen Namen oder Spitznamen, der leicht zu merken ist. Falls du nicht dieses Glück hast, erfinde etwas. Da du ja nun eh verrückt bist, schrecke auch nicht vor echt verrückten Tieren zurück, wenn du dir einen Spitznamen aussuchst.

4. Schreib einen ersten Post

Es kommt nicht darauf an, was du schreibst. Du musst lediglich die Begriffe “Europa” und “EU” mehrmals benutzen. Zuerst in der Überschrift und dann im Text. Da normale Blogger diese nicht benutzen, wirst du eindeutig als Euroblogger erkannt. Beachte allerdings, dass du von nun an ein Außenseiter und Abtrünniger der allgemeinen Blogosphäre bist.

5. Du musst die Aufmerksamkeit anderer Euroblogger bekommen

Am einfachsten geht das über bloggingportal.eu. Klicke dort auf jeden Post, der angezeigt wird und kommentiere alles, was du siehst. Euroblogger kriegen nicht viele Kommentare, sie sind also glücklich über jeden, der auf ihre Blogs kommt. Durch das Hinterlassen eines Kommentars zeigst du ihnen, dass zumindest eine Person an ihrem Inhalt interessiert ist. Sie werden dann auf deine Seite gehen und sehen, dass du “Europa” und “EU” in deinem ersten Post benutzt hast, und daraufhin gleich deinen RSS-Feed abonnieren.

6. Du musst einen zweiten Post schreiben

Da du nun von der Community als Euroblogger anerkannt bist, musst du deine Web 2.0-Kompetenz darstellen. Schreib also irgendetwa, das “EU” und “2.0″, “Twitter und ein Youtubevideo vereint. 95% der Euroblogger richten ihr Leben um neue Kommunikationsdienste aus, du wirst nun also als auch tech geek erkannt. Das heißt du bist nun formell Mitglied des Klubs.

7. Du brauchst ein Twitterkonto

Du kannst heutzutage keinen Euroblog betreiben, ohne Twitter zu benutzen. Wenn du also noch kein Konto hast, lege dir eines zu. Folge allen Eurobloggern, die dir auch zurückfolgen. Suche eine/n Europaabgeordnete/n deines Landes und retweete jede zweite Nachricht. Diskutiere dann mit anderen Eurobloggern auf Twitter den Mehrwert des Mikroblogdienstes für die europäische Demokratie. Retweete das meiste, was die anderen sagen. Schreib dann eine/n Europaabgeordnete/n an und frage, was er/sie von der letzten Barroso-Pressekonferenz hält. Wenn er/sie nicht reagiert, schreibe einen Post darüber, wie europäische Politiker/innen das Konzept von Web 2.0 nicht verstanden haben.

8. Kommentiere ein wichtiges, europäisches Event

Der Mehrwert von Euroblogs liegt darin, dass sie wichtige europapolitische Veranstaltungen kommentieren, beispielweise jene Events, die sogar die nationalen Medien bemerken. Eine Meinung zu diesen Events zu haben, und exzessiv lange Beiträge zu schreiben über EU-Themen, die jeder versteht, werden endlich 20 Leser (aus den USA) über Google anziehen. Warte also auf ein wichtiges Referendum, Europäische Wahlen oder einen riesigen Korruptionsskandal und tue dann deinen Unmut kund. Da alle Euroblogger darüber schreiben, wirst du mindestens zweimal zitiert, was dir weitere 20 Leser (aus Brüssel) auf dein Blog bringt.

9. Schreibe auf Twitter, dass du einen Beitrag zu einem wichtigen, europäischen Event gepostet hast

Wenn du nicht über deine Blogposts auf Twitter schreibst, zeigst du, dass du dich nicht für wichtig genug hältst.Erzähle also allen deinen Followern, dass du gebloggt hast. Du wirst anfangen festzustellen, dass du dich von nun an nicht nur darüber sorgst, wie viele Leute deinen Blog lesen, sondern auch auch wie viele Euroblogger deinen Bloghinweis retweeten. Innerhalb der nächsten 60 Minuten wirst weitere du 10 Leser deines Blogs und zwei neue Twitterfollower bekommen (von denen eine Mary Lu heißt, und ihr letzter Tweet zu einer Pornoseite führt).

10. Wiederhole die Schritte 4 bis 9 drei Monate lang

Wenn du dich nicht von selbstreferentiellen und sich wiederholenden Diskussionen einer kleinen Gruppen von Gleichgesinnten fustrieren lässt, wenn du nicht die Nase voll kriegst von langweiligen Quellen, und wenn du dich dazu motivatieren kannst, zu den gleichen 10 Leuten, die deine Posts kommentieren, rauszubloggen wirst du ein etablierter Euroblogger sein.

Nach sechs weiteren Monaten bekommst du einen Kommentar eines EU-Kommissars und einige Leute werden dich “Guru” nennen. Du merkst, dass das alles verrückt wird – und stellst dann fest, dass es genau das war, womit alles angefangen hat (siehe Schritt 1).

Und ja, eines Tages, wenn du zu gelangweilt von deinem bloßen Eurobloggerdasein bist, kannst du immer noch eine  Anti-Religion Kampagne, die weltweit News wird organisieren …


Die “zehn Schritte zum Euroblogger” sind eine Übersetzung des Blogposts “10 steps to becoming a Euroblogger” (Nov ’09) des mittlerweile “pensionierten” Euroblogger Julien Frisch, der von 2008 bis 2010 das renommierte Blog “Watching Europe” betrieb. Schon etablierte Euroblogger haben diesen Post bei ihm kommentiert. ;)

2 thoughts on “In zehn Schritten zum Euroblogger

  1. Pingback: Nachlese zur #rp12: Euroblogger-Wochen in Deutschland | Polscieu

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