Es war nur eine kleine Meldung, die außer ein paar Retweets zunächst keine größere Debatte nach sich zog. Das Magazin EuropeanVoice meldete letzte Woche, dass sich die International Press Association (frz. abgekürzt API) um eine gefährdete Spezies in Brüssel sorge, die Journalisten.
“The number of accredited journalists has fallen again this year. API considers this an indication of the diminishing importance of Brussels for European media. This cannot be in the interest of either the European institutions or the Brussels press corps.” (EuropeanVoice vom 11. März 2010)
Erst Anfang dieser Woche hat das Economistblog Charlemagne die Diskussion in Gang gebracht und mit seinem Blogpost “The incredible shrinking EU press corps” auch gleich die reißerische Überschrift eine Fülle von verschiedenen Themen geliefert. Auch Journalist Leigh Phillips hat aus der API-Pressemitteilung eine Story gemacht, und die letzten Zahlen genannt:
From a high point of 1,031 journalists in 2005, making it the biggest foreign press corps in the world, the number of reporters has steadily dropped down to between 860 and 935 today. (EUobserver vom 18. März 2010)
Gehen der Europäischen Union also langsam die Pressevertreter aus? Mitnichten, auch wenn die Betroffenen das so schildern. Aber ich finde die Debatte aus vierlei Gründen sehr spannend, wirft sie doch einige Fragen auf.
- Wie steht es wirklich um die Bedingungen für Journalisten, die über die Institutionen berichten? Haben sie ausreichend Zugang zu Informationen? Haben wir Normalsterblichen genügend Zugang zu den gleichen Informationen?
- Kommen die Journalisten ihrer gesellschaftlichen Aufgabe in Brüssel eigentlich nach? Kommt die nötige EU-Berichterstattung überhaupt in den Mitgliedsstaaten an?
- Angesichts des Stellenwerts, den die Europäische Union in den nationalen Medien einnimmt, brauchen wir da überhaupt noch so ein großes Pressekorps?
Bis zu deren Beantwortung herrscht auf Twitter allerdings noch die satirische Meinung vor, dass Blogger das angeblich entstehende berufsjournalistische Vakuum füllen werden, vorher nur noch ihren Lebensunterhalt regeln müssten. Jan Philipp Albrecht schlägt darauf sogar die öffentliche Förderung von Eurobloggern vor. Nun weiß ich nicht, wie ernst er es gemeint hat, unsere Reaktion auf seinen Vorschlag war indes eindeutig: Nein! (Julien Frisch, ich .. und Jon Worth ausführlicher und reflektierter)
Eine umfassende Übersicht über die Diskussion hat Julien übrigens auf seinem Blog dargestellt.
PS: Der französische Starblogonalist Jean Quatremer hat freilich auch seinen Senf dazu gegeben.
Comments 3
Ich finde, es sollte überhaupt keine Journalisten in Brüssel geben.
Die EU-Institutionen sollten sich eigene Presseorgane schaffen, die möglichst gefällige Nachrichten erstellen. Außerdem bezahlen sie eine Gruppen von ca. 30 Bloggern, die so tun, als wäre das, was die Institutionen hervorbringen, interessant und verlinken in ihren Blog-Posts immer die Nachrichten der EU-Institutionen-Presse.
Hin und wieder schreiben die Blogger etwas Kritisches. 1-2 EU-Beamte pflichten ihnen bei. Daraufhin werden sie von der Inst-Presse für ein Interview geladen und von professionellen Journalisten dazu gebracht, ihre Meinung wieder soweit abzuschwächen, dass sie von Europa-Abgeordnten aufgenommen und in den normalen Entscheidungsprozess eingebunden werden kann.
Die Blogger gehen abends auf Kosten der Institutionen einen trinken und machen im Rausch noch 1-2 kreative Projekte, mit denen sie auf internationalen Konferenzen auftauchen können, wo sie freischaffenden Lokaljournalisten Technik und Europa erklären.
Die Lokal-Journalisten verstehen das nicht richtig und dann können sich die Blogger am nächsten Tag über ihre Zeitungsartikel lustig machen. Diese Blogbeiträge dienen dann der Kommission als Grundlage dafür, auch weiterhin Journalisten aus Brüssel fernzuhalten.
Posted 21 Mar 2010 at 22:16 ¶Danke dir für deinen Kommentar, Julien. Ich bin immer wieder begeistert, welch erfrischende Visionen du für Europa hast. ;-)
Du schneidest ja viele Punkte an: Unabhängigkeit von Bloggern und Journalisten. Kommunikation der Institutionen “zu” den Bloggern. Die Spannung zwischen professionellem Journalismus und “Bürgerjournalismus”/Hobbybloggern.
Sind mit der immer mehr über Agenturen gesteuerten Öffentlichkeitsarbeit der Europäischen Union Journalisten passé? Ist ein kritischer Blick hinter die Kulissen überhaupt noch möglich?
(Ich frage vor allem wegen des Dilemmas, dass ich selbst habe. Eigentlich will ich für den europäischen Gedanken werben, anderseits finde ich mich in der EU teilweils nicht wieder mit meiner Vision und bin daher öffentlich kritisch, verschrecke dann aber eventuell jene, die sich noch keine Meinung über “das europäische Projekt” gemacht haben.)
Posted 21 Mar 2010 at 22:42 ¶Meine Antwort auf deine Vision, Julien:
http://www.europaeum.eu/blog/warum-uns-eine-europaische-blogger-gg-journalisten-debatte-nicht-weiterbringt/
Posted 22 Mar 2010 at 21:13 ¶Trackbacks & Pingbacks 2
[...] This blog post is the translated and slightly adapted version of a comment I made to a related article by europaeum on thecurrent debate of declining numbers of journalists in Brussels. I had to write [...]
[...] últimas semanas, blogueros europeos como Europaeum yJulien Frisch nos contaban que durante estos últimos años el número de periodistas [...]
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