Es rumort in der europäischen Blogosphäre

Derzeit finden vielerorts Diskussionen über den Zustand der Euroblogosphäre statt. Ausgelöst wurde sie von einer Studie (PDF via Jon Worth) über den Einfluß von europapolitischen Blogs auf Entscheidungen und Kommunikationsverhalten in der EU, welche die PR Agentur Waggener Edstrom vor genau einer Woche in Brüssel vorstellte. Die Studie legt ein Ranking von Euroblogs vor, hat  aber sogleich einen Sturm der Entrüstung wegen ihrer fragwürdigen Methode hervorgebracht.

Ich habe letzte Woche dazu  ja schon einen englischen Beitrag verfasst. Eine viel exzellentere Zusammenfassung der ersten Beiträge findet sich jedoch bei Grahnlaw.

Als Reaktion auf diese Studie entbrannte die Diskussion förmlich. Neben der Kritik an der Studie haben sich auch neuen Fragen aufgetan.

Europasionaria fasst zusammen, wie einige französische Euroblogger, die Schaffung eines kollektiven Euroblogs diskutieren. Gute Beispiele gibt es. Je nach Präzisierung der Idee finden sich von blogactiv, über Café Babel bis hin zu treffpunkt.europa Projekte, die funktionieren und alle einen mehrsprachigen Ansatz fahren. Die Diskussion über Gemeinschaftsblogs erstreckt sich mittlerweile auch auf die spanischsprachigen Euroblogs. Es bleibt allerdings eine Idee, der ich solange skeptisch gegenüber stehe, wie sie nicht auf Politikbereiche eingeht, und somit einen Nutzen für eine nicht-selbstrefentielle Debatte darstellt.

Das Bloggingportal hat der Veröffentlichung des Rankings eine Umfrage unter seinen Redakteuren entgegengesetzt. Wir sollten unsere fünf liebsten Euroblogs vorschlagen. Eine Entscheidung, dessen Auswahl es wahrlich in sich hatte, lese ich doch die vielen Blogs aus viel zu unterschiedlichen Gründen. Als Resultat wurden die Nennungen veröffentlicht, und stehen nun bis zum nächsten Sonntag zu einer öffentlichen Abstimmung. Selbstbeweihräucherung auf der einen Seite, Öffentlichkeit für Euroblogs allgemein auf der anderen. Ich bin noch unentschlossen, ob ich die Idee gänzlich schlecht oder doch vielleicht sinnvoll halt. (*)

Ohnehin bin ich langsam etwas genervt davon, dass Euroblogger gerade wieder nur über sich selbst debattieren. Es gibt zwar viele Gründe, warum die Selbstreferentialität uns in diesem Fall weiterbringt.  (Ralf Grahn: “Replace self-referential by eager to learn”) Aber sie vermittelt eben doch wieder den Eindruck von einer eingeschworen, intransparenten Gemeinde von fiesen EU-Geeks. Mathew Lowry bringt es auf den Punkt, indem er mehr “Spezialisten” zu einzelnen Themen sucht. Das Verbinden von nationalen Debatten mit gleichen in anderen Ländern könnte ein wahren Fortschritt hin zu einer europäischen Öffentlichkeit im Netz werden.

Aber wie ist es nun eigentlich um Deutschland, Österreich, die Schweiz und Luxemburg bestellt? Das letzte Mal habe ich die Frage nach einer deutschsprachigen Euroblogosphäre vor einem Jahr gestellt. Es scheint wieder Zeit zu sein. Eurogoblin fragt mich in einem Kommentar:

Do you think it would be possible to gather similar momentum to the French effort in the German EU blogosphere?

Nur was werde ich da antworten? Es ist ja nicht so, dass wir keine deutschsprachigen Euroblogs mehr haben. In der letzten Zeit sind einige hinzugekommen, und sie haben sich getraut weiterhin auf deutsch zu schreiben, und nicht auf englisch wie so viele andere. Ich selbst bin ja in den letzten Tagen der Versuchung erlegen, wie mehr auf englisch zu bloggen. Die Anzahl der Besuche und Kommentare spricht eindeutig dafür.

Aber eines unterscheidet uns doch. Es findet, soweit ich das bislang festgestellt haben, kaum eine Kommunikation unter uns statt, und schon gar nicht zu solchen selbstreflektierenden Themen. Der große Zusammenhalt unter den englischsprachigen und französischsprachigen Eurobloggern rührt aber auch erheblich daher, dass Ideen, die in Blogs vorgestellt werden, über Twitter diskutiert werden. Ohne Twitter wären wir Euroblogs nicht so eng vernetzt, wie wir es jetzt sind.

Ist das alles?


(*) Zu meiner Überraschung wurde sogar ich nominiert (Werbung in eigener Sache!), was mich natürlich außerordentlich gefreut hat, wenngleich ich nicht sicher bin, dass die Nominierung angesichts meiner Blogträgheit in letzter Zeit gerechtfertigt ist.

3 thoughts on “Es rumort in der europäischen Blogosphäre

  1. Es ist Ihre Pflicht, eine deutsche Blogosphäre zu schaffen. Die Französisch Plan ist aufregend, aber wir müssen auch deutsche Eingang. ;-)

    P.S. Ihr Blog nicht unterstützt Unicode?

  2. Selbstreferentiell ist an sich nicht verkehrt. Das konstituiert eine Teilöffentlichkeit. Zugespitzt: Problem ist, dass es nur diesen einen Bereich der EU-Blogs gibt, die so langweilig sind, weil sie auch nur die langweilige Kommunikation von EU-Politik kommentieren. Wo sind die transnationalen Themen? Wo sind die europäischen Fußballblogger etc.?

  3. Hier ist Einer. Hoffentlich bloggt er weiter und kommt zu einem anderen Schluß. ;-)

    Aber ich gebe dir vollkommen Recht. Auf Dauer macht es echt keinen Spaß, einerseits die EU in ihrem Verhalten zu kopieren und andererseits dadurch andere nicht zu integrieren, die erstmal nicht an die europäische Dimension gedacht haben, aber trotzdem wertvollen und kreative Ideen haben. (Gibt es eigentlich noch mehr Fußballblogger, die eine europäische Sicht eingenommen haben?)

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