Die Europäische Union braucht Hilfe! Das kann man natürlich als zynischen Kommentar verstehen, aber man kann es gleichfalls auch als ernsthafte Interpretation der letzten Tage betrachten, indem sich beispielweise die Onlineredakteure des Europäischen Parlamentes am 06. Januar in ihrem Weblog an die Öffentlichkeit gerichtet haben, und nach Ideen für die neue Internetseite des Parlaments gefragt haben. Crowdsourcing ist in Brüssel angekommen, und mit ihrem vermeintlichen Hilfeschrei haben die Redakteure viel Aufmerksamkeit in der europäischen Blogospähre erhalten, glücklicherweise aber noch mehr Ratschläge, wie die neue Internetseite des Parlaments transparenter und nützlicher für die Besucher zu gestalten sei.
Einen Hilfeschrei der anderen Art haben gestern 50 Onlineredakteure und Webmaster der verschieden Generaldirektionen und Abteilungen der Europäischen Kommission in einem offenen Brief (Harnessing the power of the Internet for better communication, PDF) an den Präsidenten der Europäischen Kommission Barroso und seine neuen Kolleginnen und Kollegen Kommissare geschickt. Der Euroblogger und Kommissionsbeamte Dick Nieuwenhuis (@dicknieuwenhuis) veröffentlichte auf seinem Blog die Forderung an die Kommission, das Internet und seine Instrumente besser zu nutzen und sich mehr an den Interessen und Bedürfnissen der Nutzer zu orientieren. Ein besonderes Augenmerk legen die Unterzeichner darauf, dass Kommunikation keine Einbahnstraße sei.
The Internet hosts a huge range of conversations each day, with discussion forums, blogs and social networks on all kinds of topics. [...] Social networks [...] offer great opportunities to engage in dialogue with citizens and interested parties, to mobilise support for the European project, and to share information and ideas about the EU more widely than virtually any other medium.
Ich finde das einen mutigen Schritt nach vorne. So sehr sich die Unterzeichner der Unterstützung in der Blogosphäre sicher sein dürfen, so ungewiss ist es doch, ob die Forderung auch wirklich bei den alten und neuen Kommissarinnen und Kommissaren ankommt. Ich kann nicht einschätzen, wie Barroso auf einen solchen Brief reagiert. So oft passiert es nicht, dass sich EU-Beamte (eben auch) an die Öffentlichkeit richten. Zu wünschen bleibt jedoch, dass er den Brief und die mit ihm verbundenen Wünsche und Hoffnungen aller Internetnutzer ernst nimmt. Der Schritt des Europäischen Parlamentes und sein zunehmendes Engagement im Web sollte doch Ansporn genug sein, auch für die von vielen als dröge Beamtenmaschinerie wahrgenommene Kommission, mit ein Wenig mehr ehrlichem Engagement, den Bürgerinnen und Bürgern Europas ein Stück näher zu kommen.