Gefangen in der Wikiality

Es war ein schöner, goldner Nachmittag, wo Flut und Himmel lachten. Ich saß wie in der vorlesungsfreien Zeit üblich über meinen Seminararbeiten. Die eine der beiden hatte ich nach meinem Plan unlängst fertiggestellt haben sollen. Aber Ideengeschichte habe ich eben noch nie zu meinen Steckenpferden zählen können, wenngleich meine Interessenstallungen genügend Boxen bieten. Ich hatte also noch an der ersten Arbeit gesessen und Korrektur gelesen, als ich mich plötzlich dabei erwischt habe, wie ich mich aus purer Faulheit davor schützte, mich wieder durch das Wörterbuch zu quälen, indem ich die korrekte Schreibweise des Wortes nicht im Duden suchte, sondern Google dafür bemächtigte. Ich habe die beiden Schreibformen anhand ihrer jeweiligen Trefferanzahl verglichen und mich dadurch auf dünnes Eis begeben. (Eine anschließende Überprüfung auf den einschlägigen Internetseiten bestätigte glücklicherweise meine orthographische Wahl.*)

Nichtsdestoweniger muss ich mir nun also eingestehen, dass es auch für mich soweit ist. In dem blinden Vertrauen, die Wahrheit in der Gesamtheit der Netzwelt, durch Google gefiltert, zu finden, habe ich mich herabgegeben in die Tiefen der Wikiality, derjenigen Realität, die nicht mehr durch Fakten entsteht, sondern durch die Überzeugung einer vermeintlichen Mehrheit (truth by consensus). Dazu Stephen Colbert mit “The Wørd“:

You see, any user can change any entry, and if enough other users agree with them, it becomes true. [...] We should apply these principles to all information. All we need to do is convince a majority of people that some factoid is true. For instance that Africa has now more elephants today than it did ten years ago. Now, I don’t know if that’s actually true, okay, but [...] what we’re doing is bringing democracy to knowledge. [...] It’s time we use the power of our numbers for a real Internet revolution. [...] Together we can create a reality we can all agree on.

Ich kann mir ja nun wirklich nicht sicher sein, dass tatsächlich die Mehrheit aller Internetnutzer korrektes Deutsch spricht, geschweige denn schreibt. Wenn ich genau darüber nachdenke, kommt in mir schnell Zweifel auf. Aber ich werde nicht gleich versuchen müssen, mich schnell wieder aus der Wikiality zu befreien. Warum sollte ich auch? (Mal abgesehen davon, dass ich es ohnehin nicht schaffen würde. Immerhin macht das Internet mindestens so anhängig wie das Rauchen und Trinken zusammen.) Es sollte reichen, wenn man sich mit wachem und geschärftem Sinn durch das Internet bewegt. Ich würde ja auch nicht mit geschlossenen Augen und zugehaltenen Ohren über die Autobahn gehen.

* Dass ich natürlich direkt an den Stellen suchen, z.B. ganz einfach über ein entsprechendes “Search Engine Plugin” in Mozilla, oder gar den Duden als Computerprogramm auf meinem Rechner installieren könnte, verschweige ich hier aus dramaturgischen Gründen einfach. :)

Est-ce que tu parles français?

Solltest du aber vielleicht, spätestens dann nämlich, wenn die Initiative des “Comité pour la langue du droit européen” (CPLDE) , die Französisch als einzige Rechtssprache der EU etablieren möchte (s. EurActiv von heute), Erfolg hat.

CPLDE leader Maurice Druon, well-known author and Academie Française secretary said: “All languages are equal and all the national sensitivities are duly protected. However, as regards the interpretation of texts it is better to be certain what we are writing. The Italian language is the language of song, German is good for philosophy and English for poetry. French is best at precision, it has a rigour to it. It is the safest language for legal purposes…The language of Montesquieu is unbeatable.”

Ich möchte gleich vorweg schicken, ich mag die französische Sprache. Natürlich habe ich, wie fast alle meine Leidensgenossen in der Schule, Französisch gefürchtet und gescheut. Aber nach dem Abitur und mit der Zeit hat sich das irgendwie gewandelt.

Der Tatsache, einer Sprache in einer bestimmten Sache ein alleiniges Existensrecht einzuräumen, stehe ich aber gespalten gegenüber. Ich bin nunmal überzeugter Verfechter der Mehrsprachigkeit in der Europäischen Union. Ist es doch das beste Beispiel dafür, dass die Union keine Gleichmacherin ist und sich ihrer Wurzel, der kulturellen und somit auch sprachlichen Vielfalt, bewusst ist. Oft wird mir entgegnet, dass das viel zu teuer sei. Allein der Unterhalt der offiziellen Dolmetscher und Übersetzer. Dieses Argument kann ich aber nicht teilen. Ich finde es wichtig, dass ein Abgeordneter auch versteht, über was er entscheiden soll. Und Sprache ist nun mal genau! Ebenso will ich ja auch als EU-Bürger verstehen, worüber in Brüssel und Strasbourg gerade debattiert wird.

Aber genau das ist halt der springende Punkt. Damit Sender und Empfänger sich richtig verstehen, müssen sie eben den gleichen Bedeutungs- und Zeichenvorrat haben. Einfacher ausgedrückt, sie müssen die gleiche Sprache auf dem selben Niveau sprechen. Und das ist ja aktuell gerade so noch beim Englischen der Fall. (Darauf, wie degeneriert das internationale Englisch mittlerweile ist, will ich hier gar nicht erst eingehen.)

Was ist also zu tun? Schließlich sollte ja gerade in der Rechtsprechung tunlichst darauf geachtet werden, dass der Sinn nachher auch allen klar wird. (Glaube ich jedenfalls, bin aber natürlich kein Jurist.) Wir werden wohl abwarten müssen. Das ist doch mal eine Thema, zu dem sich der neue Kommissar für Mehrsprachigkeit, Leonard Orban, mal grundsätzlich äußern könnte.